Drittes Schreibclubsches Manifest

Wer wir sind: Wir sind die, die nicht lange fackeln, die lieber schreiben, statt nur zu reden, die ihre Ideen auf Servietten schmieren, auf Einkaufslisten und Beipackzettel, auf unbezahlte Rechnungen und ungewaschene Handrücken, die solange herumfeilen und -fuhrwerken, bis alles sitzt, bis wir selbst plötzlich sitzen, und zwar an deinem Nebentisch – und dann hauen wir dir alles um die Ohren.

 

Was wir wollen: Wir wollen uns Mut machen, statt uns schlechtzumachen, wir wollen uns anregen statt uns immer nur aufzuregen, wir wollen solidarisch sein und nicht solipsistisch, wir wollen inspirieren und transpirieren statt imitieren und transkribieren, bis die, die es nie kapieren, am heftigsten orgasmieren.

 

Woher wir kommen: Wir kommen von dort, wo die Einbildungskraft regiert, weil sie die Einbildung vom Thron gestoßen hat, wo das Pathos echt ist und die Farben bunt, wo die Wendungen dramatisch sind und die Abgründe tief, wo die Zoten noch zotig und die Träume noch traumhaft sind.

 

Wohin wir gehen: Wir gehen in den Bauch des Walfischs, in das Herz der Finsternis, in das Auge des Sturms, in die brüllende Schlacht, in den feurigen Schlund – und dort essen wir ein Eis.

 

Wen wir lieben: Wir lieben die Muse, die uns um den Verstand bringt, den fiebrigen Schub, der uns den Schlaf raubt, die zündende Idee, die uns Feuer unterm Arsch macht, wir lieben die wirbelnden Wortkasakaden, die sich über uns ergießen, wir lieben die Ironie als eine Form des Idealismus, den Zyniker als Romantiker und die innere Zerrissenheit, wir lieben den radikalen Bruch, der gerade dort ausbleibt, wo man ihn erwartet.

 

Wen wir hassen: Wir hassen schreibende Selbstdarsteller und lesende Lackaffen, Dichterfürsten, die sich selbst die Krone aufsetzen und so genannte literarische Autoritäten, die über andere richten, aber immer nur sich selbst meinen; wir hassen alles Prätentiöse – die schwere, getragene Prosa, die unter der Last ihrer eigenen Gedanken zusammenkracht, die aufgeblähte Befindlichkeitslyrik, die Größe behauptet und doch nur kleinkariert ist, die jammerlappige Larmoyanz, die an sich und der Welt zu leiden vorgibt, aber weder sich noch die Welt verändern will, wir hassen die Kunsthandwerker und Techniker, die schreiben mit Maschinschreiben verwechseln, die in ihrer Schreibwerkstatt schwitzen und Verse schmieden, mit Maßband und Laubsäge, mit Lötkolben und Kabelbinder, mit ihrem Authentizitätsfimmel und ihrer Faktenhuberei; wir hassen die Spezialisten, die fürs Schreiben eine Ausbildung, eine Lizenz und einen Grund verlangen, die Blender, deren Selbstbewusstsein umso größer ist, je weniger es sich rechtfertigen lässt, die glänzenden Oberflächen, hinter denen sich das blanke Nichts auftut; wir hassen die Selbstzufriedenen und Satten, die Heiteren und Maßvollen, die fein ziselierten Zuckerbäcker, die alles auslachen, was sie nicht verstehen.

 

Wen wir bewundern: Wir bewundern die Idealisten und Utopisten, die Kinder und die Narren, die Unmäßigen und Unvernünftigen, die Unsicheren und Unschuldigen, die Unangepassten und Unbequemen, die Unzufriedenen und Unentwegten, die, die nicht um jeden Preis cool sein wollen – und es gerade deshalb sind, die, die sich von niemandem vorschreiben lassen – am wenigsten von sich selbst – die, die auch das wollen, was sie angeblich nicht können und dürfen; wir bewundern das Larger Than Life, das Anything Goes, das Do It Yourself – und das Einfachdraufgeschissen.

 

Wen wir verachten: Wir verachten langweilige Lesebühnen und kleingeistiges Konkurrenzdenken, provinzielle Beschränktheit und vorauseilenden Gehorsam, falschen Traditionalismus und echte Freunderlwirtschaft; wir verachten literarische Männerbündler und Vereinsmeier, die ihre gestrigen Gartenzwerge und gedrechselten Gedichtlein im Schrebergarten ihrer eigenen Borniertheit zur Schau stellen und ihre überzüchteten Zwergpudel und Pitbulls am geistigen Innufer spazieren führen.

 

Wie wir schreiben: Wir schreiben simultan – hellwach und verträumt, lieblich und finster, logisch und verwirrend, übersichtlich und labyrinthisch, ehrlich und geflunkert, erfrischend und erschöpfend, heißgekocht und eisgekühlt, kristallklar und naturtrüb, facettenreich und monoton, nüchtern und berauscht, harmlos und toxisch, weinselig und bierernst, liebevoll und gewalttätig, einfühlsam und verständnislos, sehnsuchtsvoll und desinteressiert, leidenschaftlich und gefühlsarm, vordergründig und hinterhältig, durchgeistigt und körperbetont, himmlisch und luziferisch, klassisch und modern, romanisch und gotisch, barock und … schnörkellos, menschlich und maschinenhaft, naiv und berechnend, ätherisch und derb, wuchtig und zart, erhaben und respektlos, niedlich und krass, geil und frigide, anziehend und ausziehend, stubenrein und straßenköterhaft, magnetisch und abstoßend, knisternd und prickelnd, unmäßig und unflätig, hart, aber herzlich, komisch und koSmisch.

 

Wie wir ticken: Wir ticken wie der lustige kleine Wecker im Kinderzimmer, der mit seinen herzigen roten Ohren wackelt – und in Wahrheit eine Bombe ist.

 

Wofür wir leben: Wir leben für den Sinn in der Sinnlosigkeit, für die Magie hinter der Realität, für die grenzenlose Illusion, für die kostbaren Sekunden zwischen Blitz und Donner, für den Geruch von frischem Erdreich im Frühjahr, für den einen Moment, in dem die Zeit keine objektive Größe mehr ist.

 

Wofür wir sterben: Wir sterben für das Gefühl der Leichtigkeit, wenn alles geschafft ist – der Satz, der Text, das Leben.

 

Was uns antörnt: Die schönen, drallen, saftig-feisten, welthaltigen Wörter, die vor dem inneren Auge einen ganzen Film ablaufen lassen – geschrieben, gedreht und produziert in einer einzigen ewigen Sekunde.

 

Was uns runterzieht: Die Trägheit im Kopf, das Blei in den Gliedern, das Graue im Grauen, das Dumpfe im Stumpfen, die Pragmatiker und die Praktiker, die Desillusionierten und Abgeklärten, die Schwerkraft der Vernunft.

 

Was wir hoffen: Wir hoffen auf Halluzination und Hypnose, auf die plötzliche Begeisterung und die euphorische Energie, auf die traumwandlerische Sicherheit, wenn auf einmal alles von selbst geht, auf die blase, die niemals platzt.

 

Was wir fürchten: Wir fürchten das Versiegen der Quelle, das große Vergessen, den irreversiblen Datenverlust, den Zwang, den wir uns auferlegen, das weiße Blatt in uns selbst;Wir fürchten den Moment, in dem uns nichts mehr überraschen kann, das „I´ve seen it all“, die totale Übersättigung, die völlige Abstumpfung, die absolute Lustlosigkeit, das Abfinden mit der Realität, das Ende der Utopie.

 

Was uns den Atem nimmt: Die heiße Luft um uns herum, die plötzlich implodiert, der frische Wind, der uns mit einem mal umbraust, uns durchweht und erfrischt, Der große Zerstäuber, den wir selbst entfesselt haben, der uns umwirft und uns mit sich davon trägt – mit unbekanntem Ziel.

 

Was wir fordern: Der Schreibclub muss sich immer weiterdrehen. Eines Tages wird er stehen bleiben, wird sich aus seiner Umlaufbahn lösen und in die Sonne fallen. Doch noch ist es nicht soweit.

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