Der kleine Pharmazeut

Wie das Apothekerkind dem SC Linderung und Literatur brachte

Das Apothekerkind (bürgerlich: Doma Apotherkind) wurde 1973 in Bautzen in der Oberlausitz geboren. Schon früh musste es im elterlichen Betrieb – der Apotheke zum goldenen Hirschkäfer – aushelfen und lernte das Apothekerhandwerk von der Pieke auf.

 

Während andere Kinder spielten, mischte das Apothekerkind Salben und Tinkturen, mörserte Rinden und Mineralien und drehte Pillen aus Wurzelextrakt. Dies störte es nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil: Das Apothekerkind legte einen bemerkenswerten Geschäftssinn zutage, der später auch dem Schreibclub zugute kommen sollte. Versorgungsengpässe in der DDR wurden geschickt umgangen, Substitute gefunden und neue Absatzmöglichkeiten erschlossen. Dabei erwies sich das Apothekerkind als sehr erfinderisch. Wie stolz waren die Eltern als das kleine Apothekerkind im Kindergarten sein eigenes Vertriebsnetz für Lakritze und Minzbonbons aufbaute, mit dem es sein Taschengeld erheblich aufbesserte. Später erweiterte es sein Sortiment um einen selbst kreierten Hustensaft, der aufgrund seiner anregenden Wirkung bei den Kindern sehr beliebt war.

 

Betrachtet man die Ursprünge der Familie überrascht die Neigung des Apothekerkindes nicht, liegt ihm das Krämerhafte doch quasi in den Genen. Die Familienchronik reicht bis ins Mittelalter und erzählt von ambulanten Badern („die Apothekerkinder“), die von Markt zu Markt zu zogen, Gicht, Krätze und Pest heilten und Zahnschmerzen mit Opium kurierten. Neben ihrer zweifelhaften „Medizin“ boten sie auch Schnaps, Gewürze, Süßigkeiten, Tinte, Papier und Glücksbringer feil. Später dienten die Apothekerkinder am Hof von Wenzel dem Faulen, dem König von Böhmen, und verdienten sich am kränklichen Hofstaat eine goldene Nase. Den kleinen Pharmazeuten nur Geschäftemacherei zu unterstellen, greift aber zu kurz: Als im Zuge der napoleonischen Befreiungskriege 1813 die Schlacht bei Bautzen geschlagen wurde, kümmerten sie sich aufopferungsvoll um die Versehrten und erließen ihnen sogar einen Teil der Rezeptgebühr.

 

Als das Apothekerkind volljährig wurde, war klar, wohin die Reise gehen sollte: ins Apothekerwesen. 1980 begann es in Leipzig Apothekenwissenschaften und BWL zu studieren und promovierte nur drei Jahre später summa cum laude. Kontakte zu Timothy Leary und ein Briefwechsel mit Charles Manson trugen zur Persönlichkeitsbildung bei. Zu dieser Zeit traf es den Schreibclub im Auerbachskeller. Anfangs dafür zuständig, den larmoyanten, hypochondrischen Club mit schmerzstillenden und verdauungsfördernden Mitteln zu versorgen, wurde das Apothekerkind bald ständiges Mitglied: Es übernahm nicht nur die finanziellen Belange, sondern entdeckte auch seine literarische Ader. 1993 erschien sein erster Apothekerroman „Die erhabene Elefantin“. 1997 folgte das Zweitlingswerk „Unkraut der Nacht“, das sich mit den bürokratischen Hürden im Pharmaziegewerbe auseinandersetzt. Für den Schreibclub ist das Apothekerkind auf jeden Fall eine Bereicherung und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. 

 

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