Wenn ein Rastloser in einer Sommernacht

Auf den Spuren von Paulo Belabonte

Paulo Belabonte wurde am 22. Jänner 2027 im pazifischen Inselstaat Tuvalu als erster Sohn der italienischen Meeresbiologin Alessia Belabonte geboren, die dort zeitweilig beruflich tätig war.

 

Das Milieu, in dem er aufwuchs, war – im Gegensatz zum mafiös-faschistoiden Italien der 2020er Jahre – aufgeklärt agnostisch und nonkonformistisch, vor allem aber geprägt vom Geist der naturwissenschaftlichen, hier speziell der biologisch-ökologischen Forschung und Praxis: Die engagierte Mutter leitete von 2025 bis zum endgültigen Versinken des Tuvalu-Archipels im Jahre 2037 eine Forschungsstation für Korallenzucht auf dem Nanumea-Atoll. So lag es nahe, dass der junge Belabonte, obwohl er sich schon während der Schulzeit mehr für Literatur, Musik und 4D-Kino interessierte, nach der Rückkehr ins heimatliche Italien 2045 ein Studium der Ozeanographie an der Universität Siena begann und auch erfolgreich einige Examina absolvierte. 


Infolge der Berlusconischen Kriege um die Vorherrschaft im südosteuropäischen Mädchenhandel kam jedoch der Hochschulbetrieb in den späten 2040er Jahren nahezu zum Erliegen. Nach dem Waffenstillstand mit Österreich am 8. September 2048 und dem Frontwechsel Italiens unter Verteidigungsministerin Rubacuore verbrachte er, um sich der Einberufung zur Armee entziehen, einige Monate versteckt in einem Turmkeller in San Gimignano; während dieser Zeit reifte sein anarchisch grundierter Nonkonformismus zu einem dezidierten Antisilvionismus.

 

2050 schloss er sich gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Corallo der damals noch im Untergrund tätigen Alleanza per l’Anarchia und deren Partisanengruppe Brigate Alighieri an, mit denen er unter dem Decknamen „Luigi“ im Trentino gegen die silvionistischen Milizen und die österreichischen Besatzer kämpfte. Seine Mutter wurde dafür von den Österreichern bis Kriegsende in Sippenhaft genommen. Noch im März 2050 nahm er an der Schlacht von Vicenza teil, einer der letzten des Partisanenkrieges, worüber er 10 Jahre später in seiner Novelle Schlachtungen eindringlich berichtete.


Nach Kriegsende studierte Belabonte Literaturwissenschaften in Verona und promovierte 2057 mit einer Dissertation über die postfeministische Lyrikerin Amber Hauswein. Zugleich begann er, seine Erfahrungen in der Resistenza literarisch zu verarbeiten, schrieb erste Erzählungen und einen Roman, blieb aber auch parteipolitisch aktiv, verfasste Artikel für diverse Zeitungen und engagierte sich für den anarcholiberalen Faustina-Verlag, zuerst als fliegender Buchverkäufer, später in der Presse- und Werbeabteilung und schließlich im Lektorat. 


So gelangte er in den Kreis um die postfuturistischen Schriftsteller Mario Bortolotti und Norberto Buitoni, zu dem auch die spätere Nobelpreisträgerin Federica Farfalle gehörte. Belabontes wichtigster Förderer war jedoch Bortolotti, der sein literarisches Talent entdeckte, ihn wegen seines luftig-virtuosen Stils auch als „Libelle der Feder“ bezeichnete und dafür sorgte, dass sein erster Roman, Costiera sognante (dt. Träumende Küste), 2060 bei Faustina erschien. 


2061 unternahm Belabonte mit einer Delegation der Alleanza eine mehrmonatige Reise in die Sozialistische Union der Chinesischen Vasallenstaaten (SUCV), über die er in einem Reisetagebuch lebendig und detailreich berichtete. Es erschien unter dem Titel Fettine Cantonese (dt. Kantonesische Schnittchen) und brachte ihm seinen ersten Literaturpreis, den renommierten Premio Viareggio, ein. Es folgten weitere Erzählungen sowie die Romantrilogie Augelli (dt. Vögel), mit der er sich einer neuen Gattung zuwenden sollte: der allegorisch-phantastischen Literatur. 


Zugleich vertiefte er sich in ein Projekt ganz anderer Art, das ihn mehrere Jahre lang beschäftigte: eine Anthologie urbaner Legenden in der aussterbenden Tiroler Mundart, wie sie in der Region Alto Adige noch von vereinzelten Greisen gesprochen wurde. Da seine Quellen auf der italienischen Seite aus biologischen Gründen immer spärlicher wurden, beschloss er, sein Glück nördlich des Brennerwalls im Katholischen Freistaat Tyrol zu versuchen. Da es sich hierbei um ein nahezu hermetisch abgeschlossenes Gebiet handelte, das schon Jahre zuvor aus der Nordwesteuropäischen Union (NU), aus den Unvereinten Nationen (UVN) sowie aus der Eurasischen Währungsunion (EWU) ausgetreten war, versprach er sich von dem geplanten Forschungsaufenthalt unverfälschte Einblicke in einen über Jahrhunderte gepflegten Sprachschatz.

 

Doch gerade die selbst gewählte politisch-wirtschaftliche Isolation des KFT brachte sein Vorhaben zum Scheitern: Trotz tadelloser literarischer Referenzen wurde sein Visumsantrag wegen mangelhafter Kenntnisse der Allgemeinen Nordtiroler Umgangssprache abgelehnt. Es war jedoch zu vermuten, dass die wahren Gründe für den negativen Bescheid politischer Natur waren: Ungetauften Personen, die noch dazu dem Anarcholiberalismus nahe standen, wurde vom klerikalen Landesfürsten aus Prinzip keine Einreiseerlaubnis erteilt. 


Nun befand sich Belabonte in einem Dilemma: Bliebe er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit seinem Forschungsinteresse treu, würden die bürokratischen Grabenkämpfe, ähnlich wie im Partisanenkrieg, seine Inspiration auf Jahre hinaus schädigen, ja womöglich sogar versiegen lassen. Gäbe er sein Ansinnen aber auf, so müsste er die vom Kultusministerium in Rom über Jahre hinweg ausgeschütteten Stipendiengelder, die sich in Summe mittlerweile auf einen zwölfstelligen Betrag beliefen, zur Gänze zurückzahlen. Das war unmöglich, zumal er einen beträchtlichen Teil des Geldes im 4D-Casino verjubelt hatte (eine kleine Schwäche, über die sich die offiziellen Biographen gerne ausschweigen).


Schließlich empfahl ihm sein Mentor Bortolotti jenen Ausweg, den so mancher Vertreter der literarischen Bohème der 2060er Jahre schon vor ihm gewählt hatte: Das chronologische Exil. Hochgradig illegal und heiß begehrt, wurde der transtemporäre Menschenschmuggel naturgemäß von der Mafia kontrolliert. Bortolotti setzte Himmel und Erde in Bewegung, um für seinen Günstling die Schiene zur ’Ndrangheta zu legen, die in einem Bunker unter dem Bergdorf San Platino im kalabrischen Aspromonte-Massiv einen der wenigen Zeitaufzüge Europas betrieb. 


Belabonte sah sich gezwungen, alles auf eine Karte zu setzen. Um das horrende Beförderungsentgelt aufbringen zu können, verkaufte er sein toskanisches Landgut, 200.000 Stammzellen, seine Kryostase-Anwartschaft im Wert von 25 Millionen Euro sowie einige nahezu wertlose Facebook-Aktien.


In einer lauen Sommernacht des Jahres 2068 war es schließlich so weit. Ausgestattet mit einem minimalistischen Reisegepäck, das neben seinem Lieblingsschal nur einen gefälschten Reisepass, ein Sammlerset alter Euro-Banknoten sowie eine zerfledderte Print-Ausgabe des Lonely Planet Austria aus dem Jahre 2008 enthielt, nahm er auf dem hölzernen Passagierstühlchen im Zeitaufzug Platz. Der Operator stellte als Destination die Ebene -58 ein, trat zurück in den Bedienungsraum und leitete den Zeitsprung ein. Mit einem sanften Zischen schlossen sich die Türen, und Belabonte rauschte mit Lichtgeschwindigkeit in die Tiefen der Vergangenheit hinab.


Leicht verkatert, doch sonst wohlbehalten, trat er ins gleißende Mittagslicht des 12. August 2010 hinaus. Zunächst genehmigte er sich in der Dorfcaffetteria einen doppelten Espresso, anschließend erstand er ein billiges Smartphone und sandte Bortolotti die erste einer Serie von Kurznachrichten in die Zukunft, deren Häufigkeit in der Folge bedauerlicherweise immer weiter abnehmen sollte:
„Ohne Kratzer angekommen. Moderater Kulturschock. Grenze nach Tyrol offen. Erste Kontakte zu potenziellen Quellen geknüpft. Abfahrt um 13:45.“ 


Der sonderbare Telegrammstil ist dadurch zu erklären, dass in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts als einziger transtemporaler Kommunikationskanal lediglich so genannte Tweets zur Verfügung standen. Es handelte sich hierbei um eine Art kollektives mentales Recyclingsystem, mit dessen Hilfe überflüssige Gedankenströme in exakt portionierten Mengen im digitalen Äther entsorgt und subversive Energien ohne reale Konsequenzen gebunden werden konnten. In diesem Rahmen konnten Exilanten wie Belabonte gefahrlos ihre Nachrichten an zukünftige Empfänger deponieren, ohne Zeitparadoxa zu riskieren.

 

Aus den späteren, immer sporadischer auftretenden Tweets geht hervor, dass Belabonte Ende August 2010 die visafreie Einreise nach Österreich gelang. In der vorläufig letzten Nachricht berichtet er, dass er sich im Raum Innsbruck niedergelassen habe und zur Verwirklichung seines Forschungsvorhabens in ein lokales Autorenkollektiv eingetreten sei.

 

Ob es sich hierbei um die im heutigen KFT politisch verfolgte Untergrundorganisation DER Schreibclub oder um den offiziell anerkannte Dichterverband der Tyroler Hoamatschreiber handelt, lässt sich auf Basis der vorhandenen Belege nicht feststellen.

 

Paulo Belabonte zählt zweifellos zu den bedeutendsten italienischen Autoren der Gegenwart und bewegt sich in der Tradition großer Zeitreisender wie Giulio Verna, Stanislao Lemone oder Matteo Rufo; zwar überdauerten ihre Werke den Fraß der Zeit, sie selbst sind bis dato jedoch leider noch nicht aus ihrem Exil zurückgekehrt. 


Umso gespannter wartet Italiens literarische Community sowie die treue LeserInnenschaft auf Belabontes Rückkehr und die Fortsetzung seines literarischen Schaffens in der aktuellen Zeitebene. Wenn es soweit ist, wird wohl – wieder einmal – die Literaturgeschichte umgeschrieben werden müssen.


Aus: Storia Della Litteratura Italiana, Volume XXV: Autori Anacronistici. Edizione Elettronica. Milano: Faustina 2071.

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