Von Robotern und Eiskristallen

Der Schreibmaschinist Klippo Kraftwerk

Klippo Kraftwerk kam im Jahrhundertwinter 1971 in der sächsischen Bergbaugemeinde Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort Martin Luthers, zur Welt.

 

Der emotionalen Kälte seines aristokratischen Elternhauses und der erzenen Brutalität seiner Heimatstadt entzog er sich schon früh durch die Flucht in eine ebensolche Literatur. Das Organische und das Maschinelle und die vielfältigen Schnittstellen zwischen den beiden Sphären – das sind die monumentalen Topoi, an denen sich Kraftwerk zeit seines Lebens literarisch abgearbeitet hat. Bereits sein 1992 erschienenes Debüt „Von Mausefallen und Menschen. Ein maschinelles Manifest“ stellt die Charakteristika im Kraftwerk’schen Schreiben eindrucksvoll aus: Die unbarmherzige Präzision und roboterhafte Eleganz, mit der er seine Leserschaft durch gefrorene Gefühlswelten führt, sorgten für vernehmbares Blätterrauschen im Feuilleton. Der Misserfolg des Werkes beim breiten Publikum stürzte den psychisch labilen Kraftwerk allerdings in eine tiefe Sinn- und Schaffenskrise. 

 

Nach einem gescheiterten Säureattentat auf den erfolgreichen Kinderbuchautor Thomas Brezina landete Kraftwerk für drei Jahre in der gefürchteten sächsischen Justizvollzugsanstalt Bautzen. Dort hielt er sich als kleiner literarischer Ganove einigermaßen über Wasser, hauptsächlich mit der illegalen Produktion von menschenfeindlicher Gebrauchslyrik – was ihm neben dem Respekt der Unterwelt auch den Gaunernamen „Klippo Kleingeld“ eintrug. 


Nach seiner Entlassung verdingte sich Kraftwerk zunächst – weitgehend erfolglos – als tollkühner Literat Pippo Zanzani in einem heruntergekommenen Kleinzirkus, bevor ihm 2001 mit seinem viel beachteten Gefängnisroman „Die Stahlkinder“ endlich der kommerzielle Durchbruch glückte. Das berüchtigte Nachfolgewerk „Der Eisklotz am Bein“ und vor allem die kühne Autobiographie „Ich, Klippo Kühlschrank“ festigten Kraftwerks Ausnahmestellung im modernen Literaturbetrieb und bescherten ihm eine fanatische Gefolgschaft. Seine Anhänger, die so genannten „Kraftwerkskinder“, wie auch die Kritiker feierten ihn einhellig als Neo-Beatnik und literarischen Cyberpunk, als Wegbereiter des poetischen Industrial und Vollender der Art Brut. Vom großen Erfolg zunehmend irritiert, zog sich Kraftwerk nun für einige Jahre völlig aus dem Literaturbetrieb zurück. Er ehelichte die geheimnisvolle grönländische Eisbildhauerin Britte Fjordsdottir, durchlief mit ihr gemeinsam eine überraschende Zen-buddhistische Phase und narrte die Massen mit seinem neuen Pseudonym „Klippo Klangschale“. 


2006 meldete er sich mit einem literarischen Doppelschlag eindrucksvoll zurück: In seinen epochalen Zwillingsromanen „Adams Apparate“ und „Eva am Elektrozaun“ schließt Kraftwerk auf atemberaubende Weise den biblischen Schöpfungsmythos mit der maschinellen Härte von Heimwerkerkatalogen kurz. Seither gilt er als Begründer einer eigenen literarischen Strömung, der so genannten „frigid fiction“. Die Kritik hat diesen elektronisch-unterkühlten, unnahbaren Stil treffend als „literarische Eiszapfen“ beschrieben. Kraftwerk selbst sieht sich jedoch lieber als literarischer Solitär und radikaler Außenseiter, der sich von
keiner künstlerischen und politischen Strömung vereinnahmen lässt – außer natürlich vom Schreibclub, dem er sich im Jahr 2007 unter Ausschluss der Öffentlichkeit angeschlossen hat.


 

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