Ich, Kinaski, Poet und Metzgersohn

Schöpferische Exzesse und rohe Energie.

Karl Maria Kinaski wurde am 1. Mai 1971 als Sohn des vorbestraften Pferdemetzgers Klemens Kinaski und der sozial auffälligen Selchersgehilfin Klara, die Gerüchten zufolge gleichfalls den Nachnamen Kinaski getragen haben soll (und zwar bereits vor der Hochzeit), in der kleinen Tiroler Landgemeinde Rettenschöß geboren.

 

Seine Kindheit verbrachte Kinaski, dessen Eltern nicht nur Fleischhauer, sondern auch schwere Trinker waren, zwischen Schlachtschussapparaten, Beilen und anderen Metzgerutensilien; zwischen Schlachtabfällen, Starkbier und Vogelbeerschnaps. „Während die anderen Schulkinder Milchschnitten bekamen, gab es bei uns zuhause nur Milzschnitten“, sollte sich Kinaski später an diese traurige Zeit erinnern. Eine geradezu manische Vorliebe für rohes Fleisch und harten Alkohol in allen Formen sollte ihn sein Leben lang begleiten.

 

Mit dem Schreiben beginnt Kinaski, weil seine Hände für jede manuelle Tätigkeit, sogar für das plumpe Fleischerhandwerk, zu klobig sind, sein Geist aber für jede höhere Schulbildung zu unruhig ist; entdeckt das Werk des berüchtigten Beatliteraten Charles Bukowski für sich – dies sollte sein Leben verändern – vor allem, als er entdeckt, dass die Hauptperson in vielen von Bukowskis wüsten Sauf- und Sexgeschichten den Namen Chinasci trägt.

 

Mit 16 büchst er von zuhause aus (mit den gesamten Ersparnissen seiner Eltern und gefälschten Ausweisen) und beschließt, nach Kalifornien zu gehen, um seinem Idol so nahe wie möglich zu sein; hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser; beginnt ihm bei seinen nächtlichen Saufgelagen nachzustellen und ihn sogar nach Hause zu verfolgen; zunächst stößt Bukowski den jugendlichen Stalker jedoch brüsk zurück; in seiner Verbitterung und Enttäuschung greift Kinaski zunächst zu Rattengift, nach seiner Genesung jedoch zur Feder und bringt eine zornige Short Story mit dem unmissverständlichen Titel „Bukowski ist ein alter Wichser!“ zu Papier; von der rohen Energie und direkten, ungeschliffenen Emotionalität der Geschichte zeigt sich Bukowski so angetan, dass er beschließt, den kleinen Ausreißer aus Tirol unter seine Fittiche zu nehmen.

 

Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, ja Seelenverwandschaft; Bukowskis väterliche Zuneigung zu Kinaski geht so weit, dass er ihm zu seinem bevorzugten Zechkumpanen macht: Gemeinsam zieht man durch das Nachtleben der abseitigeren Teile von L. A.; in langen Gesprächen über Gott und die Welt stellen Kinaski und Bukowski fest, dass ihre beiden Leben durch einen unglaublichen Zufall miteinander verbunden sind: Die berühmte Figur des Chinasci ist keineswegs, wie Heerscharen von Literaturwissenschaftlern angenommen hatten, Bukowskis Alter Ego, sondern vielmehr eine literarische Würdigung von Killian Kinaski – niemand Anderem als Karl Kinaskis Großvater. Bukowski hatte den Kinaski-Opa auf einer Sauftour im Kufsteiner Batzenhäusl kennengelernt und die Figur bis ins Detail mit dessen äußerlichen und charakterlichen Zügen ausgestattet.

 

Am xx xx kommt die einzigartige Männerfreundschaft zwischen Bukowski und Kinaski – eine Phase, die auch literarisch äußerst fruchtbar war und von manchen Literaturhistorikern sogar mit der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller in Weimar verglichen wird – zu einem ebenso plötzlichen wie tragischen Ende. In der „Lustgrotte“, einer übel beleumundeten Kaschemme im düstersten Viertel von San Diego, kommt es zwischen Kinaski und Bukowski zu einem folgenschweren Streit; beide haben ein Auge auf die damals bereits 72-jährige Schlangentänzerin, Schlammcatcherin, Nacktkellnerin und Edelprostituierte Nora Constrictor geworfen, die im Nachtclub ihren verschiedenen Tätigkeiten nachgeht.

 

Von blinder Wollust und hartem Alkohol befeuert, prallen die beiden Alphamännchen aufeinander und es kommt, wie es kommen muss: Es entzündet sich ein wüstes Wortgefecht, das rasch in Handgreiflichkeiten ausartet. Nach einem heftigen Nasenstüber Kinaskis stürzt Bukowski so unglücklich, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, wo er wenige Tage später an inneren Blutungen verstirbt; Kinaski tötet sein literarisches Vorbild, seinen Lehrmeister und väterlichen Freund.

 

Vor Gericht zeigt sich Kinaski reuig; da er aufgrund seines jugendlichen Alters noch nicht voll strafmündig ist, und außerdem zum Tatzeitpunkt aufgrund seines erheblichen Alkoholisierungsgrades nicht zurechnungsfähig war, entgeht Kinaski einer langjährigen Haftstrafe in den Vereinigten Staaten; stattdessen wird er nach Österreich abgeschoben, wo er zwei Jahre im Jugendgefängnis Stein absitzt; in dieser Zeit vollendet er seinen stark autobiographisch gefärbten Romanerstling „Ich und Bukowski“, der dem 22-jährigen Wunderkind den Durchbruch beschert (vgl. Rezensionen zu „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann); ein Kritiker versteigt sich sogar zur Behauptung: „Bukowski musste sterben, damit Kinaski leben kann!“; wird mit Preisen überhäuft, der Roman wird in zig Sprachen übersetzt; mit dem plötzlichen Erfolg und dem materiellen Überfluss kann der labile Kinaski nicht umgehen.

 

Er flüchtet noch stärker in den Alkohol als bisher; es folgt das berüchtigte Skandalinterview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem Kinaski auf sämtliche Fragen lediglich mit „Wein auf Bier, das rat’ ich dir!“ und „Bier auf Wein, das schenk’ dir ein!“ antwortet; in dieser Phase gibt er als Berufsbezeichnung „Alkoholiker“ an; in seinen luziden Momenten ist er weiterhin literarisch tätig; in seinen Tagebucheinträgen analysiert er seinen Alkoholismus mit erstaunlicher Klarheit und schonungsloser Offenheit; in dieser Zeit entsteht sein zweiter Roman „Charlie und die Schnapsfabrik“: Obwohl es sich um einen phantastischen Roman handelt, ist unverkennbar, dass sowohl die Hauptfigur des Charlie K. als auch die Figur des exzentrischen Millionärs Willi Wodka Züge von Kinaski selbst tragen; entdeckt die Freuden des Kokainkonsums für sich; der Missbrauch des xx führt dazu, dass die in Kinaskis Charakter ohnehin schon angelegte Tendenz zur Selbstüberschätzung sich zu Egomanie und Größenwahn steigert.

 

Am Höhepunkt seines Kokainwahns lässt Kinaski seinen eigenen Namenszug mit riesigen Lettern aus reinstem Kokain nachstellen, nur um dieses Kokskunstwerk dann in einer einzigen, nie da gewesenen Orgie mit 700 nackten Liliputanern beiderlei Geschlechts zu vernichten; die Erfahrungen dieser gigantischen und doch zwergenhaften Ausschweifung verarbeitete Kinaski in seiner berüchtigten Novelle „Kleine Nasen im Schnee“, die in 63 Ländern indiziert, in allen übrigen jedoch ein gewaltiger kommerzieller Erfolg wurde. Kinaskis darin aufgestellte Behauptung, dass sein aus Kokain geformter Namenszug auch von der Weltraumstation xx aus lesbar gewesen sei, muss jedoch ins Reich der Mythen bzw. der suchtmittelinduzierten Allmachtsphantasien verwiesen werden.

 

Über sein Privatleben ist wenig bekannt; neigt zu asozialen, menschenfeindlichen Verhaltensweisen und üblen Marotten: Er bewirbt sich (trotz seines fürstlichen Einkommens) regelmäßig für Jobs aller Art, nur um beim Vorstellungsgespräch Fragen wie „Arbeiten Sie gerne mit anderen Menschen zusammen?“ oder „Sind sie ein Teamplayer?“ mit „Nein“, gerne auch „Nein, ich hasse Menschen!“ zu beantworten; ruft gerne bei Ticketverlosungen im Radio oder Fernsehen an, auch und gerade dann, wenn die Konzerte ganz woanders stattfinden und er niemals hinfahren wird; ihm geht es nur darum, anderen, am liebsten den größten Fans, die Karten vor der Nase wegzuschnappen; die niemals abgestempelten Tickets, die nach den Tränen tausender enttäuschter Fans schmecken, hortet Kinaski zuhause in einer großen Kiste, die er wie seinen Augapfel hütet.

 

2005 ehelicht er Ortrud, die sich auch Dr. Ortrud oder Dr. Dr. Ortrud nennt, und es als hauptberufliche Verfasserin von Viagra-Spam zu einiger Berühmtheit gebracht hatte; die turbulente Ehe hält nur sechs Tage, trotzdem gehen aus ihr zwei Kinder hervor – nämlich das Zwillingspaar Lohengrin und Siegfried. Der derzeitige Aufenthalt des nun bald 40jährigen ist unbekannt. Man will ihn aber im Sudan gesehen haben…

 

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