Der Saft ihres Lebens

Wie Yoko Omo zu Amber Hauswein wurde

Yoko Omo wird zu unbekannter Stunde an einem nicht näher benannten Ort ohne Eltern oder sonstige Anverwandte aus Luft und Liebe geboren.

 

Ihre Kindheit verbringt sie als kleine Kosmopolitin zwischen hier und dort und einem dritten Ort. Als Jugendliche, just zu jener Zeit, wo bei anderen jungen Menschen die Lehr- und Wanderjahre beginnen, fühlt Yoko auf einmal Sehnsucht nach Stillstand und Einsamkeit. Sie zieht sich für drei lange Jahre in den Bauch des heiligen japanischen Berges Hotakadake zurück und verzichtet auf jede Form von materieller und geistiger Nahrung. 


Mit 20 Jahren kehrt sie nach Tokyo zurück (wo sie noch niemals zuvor gewesen war) und gründet dort die fiktive japanische Beatformation The Sheatles, die insgesamt 30 Nummer-eins-Erfolge verbuchen kann und weltweit junge Männer und Buben in Ohnmacht fallen lässt. Auf einer Vernissage in London, die außer ihr niemand besucht, lernt Yoko den Künstler John Lemon kennen, einen bedeutenden Vertreter der britischen Fluxus-Bewegung. Ihr Aufeinandertreffen wird von gewöhnlich gut informierten (in diesem Fall jedoch abwesenden) Kreisen als „Liebe auf den ersten Blick“ beschrieben. Yoko und John heiraten rasch – und kaum drei Monate später wird Yoko Mutter von Siebenlingen, die bei ihrer Geburt bereits 18 bis 23 Jahre alt sind, also etwa im Alter ihrer Mutter.  

 

Doch Yokos intensive Beziehung zu Lemon, verbunden mit der Mehrfachbelastung als Ehefrau, Mutter und Rockstar, bringt Unruhe ins fragile Bandgefüge der Sheatles – und so beschließt Yoko, die Gruppe am Höhepunkt des Erfolges aufzulösen. Die anderen, in Wahrheit nicht existierenden Bandmitglieder starten leidlich erfolgreiche Solokarrieren, während sich Yoko vom Musikzirkus ab- und ganz ihrer Familie zuwendet. 


Leider erweist sich Ehemann John Lemon rasch als tyrannischer Trunkenbold und Tunichtgut der schlimmsten Sorte. Er lässt Yoko keinen Raum zum Atmen und stachelt die sieben Söhne zu immer dreisteren Übergriffen und Unverschämtheiten gegen ihre Mutter an. Yoko stürzt in eine tiefe Sinnkrise und entwickelt ein bedenkliches Naheverhältnis zu Rasierklingen und Schmerztabletten. Erst ein übersinnliches Erlebnis – Yoko erscheint sich im Traum selbst als Mutter Gottes – weist ihr einen Weg aus Verzweiflung und Depression: Sie entscheidet sich für einen radikalen Schnitt (allerdings ohne Rasierklinge) und reicht nach nur neun Monaten Ehe die Scheidung ein. Ihr komplettes Vermögen (eine erkleckliche Summe an Bargeld, dazu Immobilien, Aktien und Patente) geht an Lemon, doch immerhin gelingt es Yoko, das Sorgerecht für ihre sieben erwachsenen, wenn auch nach wie vor unmündigen Söhne zu erkämpfen. In einem weiteren, noch wagemutigeren Schritt verkauft Yoko ihre missratenen Sprösslinge der Reihe nach an kinderlos gebliebene Ehepaare auf allen sieben Kontinenten.

 

Mit dem Erlös aus dem erfolgreichen Kinderverkauf finanziert sie eine Reise um die Welt und gibt sich ohne Unterbrechung 365 Tage und Nächte lang exzessivem Suchtmittelmissbrauch und verantwortungslosem Sexualverkehr (oder ist es umgekehrt?) hin. In ihren nie geschriebenen Memoiren, die im Jahr 2011 erscheinen, wird sie diese Lebensphase, an die sie sich nur schemenhaft erinnern kann, launig als ihr persönliches „Lost Weekend“ bezeichnen.


Höhe- und zugleich Schlusspunkt von Omos epischen Ausschweifungen ist ein Aufenthalt im imperialen Sündenpfuhl St. Petersburg: Während einer der berühmten Weißen Nächte lernt sie dort den berüchtigten russischen Mystiker, Freimaurer und Rosenkreuzer Valentin Fjodorowitsch Radschinski kennen. Die beiden Exzentriker stürzen sich in eine kurze, aber umso leidenschaftlichere Affäre, die mit dem plötzlichen Herztod des Mystikers endet. In Radschinskis Weinkeller, wo sie sich vor der Kriminalpolizei versteckt, stößt Yoko zufällig auf das geheimnisumwobene, unsagbar kostbare Bernsteinzimmer, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen war. Mit einem gestohlenen Triebwagen der Transsibirischen Eisenbahn schafft Yoko den schillernden Schatz außer Landes und vergräbt ihn an einem unbekannten Ort westlich der Seychellen. 


Sechs Monate später taucht Omo überraschend in Island auf – überraschend vor allem für sie selbst, hatte sie doch eigentlich den Flieger nach Auckland nehmen wollen. Da sie aber nun einmal im hohen Norden gestrandet ist, beschließt Yoko, das Beste aus der Situation zu machen: Sie heuert auf einem eigentlich längst gesunkenen isländischen Walfänger, der sagenumwobenen „Augnabrandur“, an und dient unter dem gefürchteten einäugigen Kapitän Aasgeier Laufqvistson. Der grimmige Greis hat es sich in den Kopf gesetzt, eben jenen Pottwal zur Strecke zu bringen, der ihm einst das Auge aus dem Gesicht gebissen hatte (übrigens das Glasauge und nicht das gesunde, doch der Kapitän hatte das gläserne Auge viel mehr geliebt).

 

Nach zwölf Wochen auf See, mitten im südpazifischen Eismeer, knapp oberhalb von Madagaskar, gelingt es den tapferen Walfängern schließlich, das Ungeheuer zu stellen. Der Kapitän versucht, den Pottwal mit bloßen Händen zu erwürgen und wird vom Untier erbarmungslos zermalmt. Doch Yoko Omo gelingt es, auf den Rücken des Tieres zu springen und diesem eine Harpune mitten durchs Herz zu jagen. Da der Kapitän in seinen letzten Atemzügen demjenigen, der dem Pottwal den Todesstoß versetzen würde, die Verfügungsgewalt über den Kadaver zugesprochen hat, geht alles an Yoko Omo – das zarte Walfleisch, der fetttriefende Blubber, vor allem aber der wertvolle Amber, jene weiche, wächserne Substanz, aus der man die wonnigsten Düfte destillieren kann und von der schon Hermann Melville schreibt: „Wer würde wohl denken, dass die feinsten Damen und Herren sich an einem Wohlgeruch laben, den man aus den ruhmlosen Gedärmen eines kranken Pottwals holt! Ich behaupte: wenn der Pottwal seine Schwanzflosse hochschleudert, verströmt er ebensoviel Wohlgeruch wie eine moschusparfümierte Dame, die in einem warmen Salon ihre Röcke rascheln lässt.“


Aus Island ins Städtchen Kufstein zurückgekehrt (wo sie ebenfalls noch nie zuvor gewesen war), wird Yoko klar, dass ihr neues Leben aufs Schicksalhafteste mit dem Wort „Amber“ verknüpft ist – einmal mit Amber in der Bedeutung von Bernstein, nun mit dem Amber des Pottwals. Sie beschließt, diesem Wink der Vorsehung zu folgen und mit einer einzigartigen Kombination von Amber und Amber ein Vermögen zu machen. Einer spontanen Eingebung folgend, rührt sie geschmolzenen Bernstein und wohlriechende Klümpchen aus dem Verdauungstrakt des Pottwals in herkömmlichen Portwein – und bietet die so gewonnene Mixtur als sündteures Aphrodisiakum feil. Den ursprünglichen Markennamen, „Pottwein“, verwirft Omo bald wieder, weil er auf dem deutschsprachigen Markt unerwünschte Assoziationen zum Ruhrpott, aber auch zum Inhalt von Nachttöpfen hervorruft. Von der englischen Produktbezeichnung „Sperm Whine“ (abgeleitet von „sperm whale“ für Pottwal) kommt Yoko ebenso rasch ab. Erst unter dem neuen Namen „Amber-Hauswein“ bzw. „Amber House Wine“ wird der ungewöhnliche Liebestrank zum weltweiten Verkaufsschlager, löst Red Bull als In-Getränk ab – und sorgt dafür, dass seine Erfinderin nie wieder arbeiten muss. 


Nachdem Yoko Omo nunmehr finanziell ausgesorgt hat, beschließt sie, ihrem Leben neuerlich eine Wendung zu geben: Sie nimmt selbst den Namen ihres Schicksals- und Lebenssaftes – Amber Hauswein – an, lässt alle materiellen Ziele hinter sich und wendet sich vermehrt ideellen und spirituellen Fragen zu: Hauswein wird zur Begründerin einer neuen philosophischen, soziologischen und theologischen Meta-Schule, und zwar jener des hedonistischen Feminismus, der es sich zum Ziel setzt, das weibliche Prinzip und das Lustprinzip mit jenem der angewandten Libertinage zu versöhnen. Dem selbst aufgestellten Leitsatz folgend, wonach Theorie und Praxis stets ein und dasselbe sein müssen, lebt Hauswein auch im Alltag ganz nach ihrer eigenen Philosophie – als Lebedame, als weiblicher Wüstling, als Dandydame und Salonlöwin, als fatale Philantropin, vor allem aber als Begründerin eines heidnischen, lustbetonten Götzenkultes, in dessen Mittelpunkt niemand Anderer als sie selbst steht. Sie erscheint ihrer weltweiten Anhängerschaft von nun an in den verschiedensten Inkarnationen – als Voodoopriesterin in New York, als Punkschamanin in Togo, als heidnische Höllenhexe im Petersdom. Die Heiligen Hauswein-Messen gestalten sich stets als manische Manifestationen, als Konvulsionen der kollektiven Entgrenzung, als sinnlich-subversive Séancen der Selbstentäußerung, geprägt von Lustschreitherapie und Literaturekstase, Zigaretten mit Spitze und Gelée Royale, teurem französischem Cognac und billigem LSD aus gottverlassenen Hexenküchen in El Paso. 


Einmal in der Woche lädt Hauswein überdies zum revolutionären Damenkränzchen: In ihrem fliegenden Alabasterpalast mit seinen hängenden Gärten und sprühenden Springbrunnen gehen dann lebende und tote Schwestern im Geiste aus und ein, um gemeinsam den kosmischen Kreislauf aus Werden und Vergehen zu feiern: Unter den Gästen sind Kleopatra und Nofretete, Genoveva und Isis, Freyia und Ostara, Aphrodite und Artemis, Kali und Kahlo, Lilith und die Baba Jaga, Maria Magdalena und Mata Hari, Jeanne D’Arc und Ronja Räubertochter, Norma Jean Baker und Isabelle Adjani, Sharon Tate und Shirley McLaine, Rosa Parks und Nina Simone, Patti Smith und Lydia Lunch, Poly Styrene und Siouxsie Sioux, Sibel Kekili und Anna Magnani, Anna Politowskaja und Doris Lessing, Lisa Simpson und Laura Palmer. 


Vergangenen Dienstag hat sich Amber Hauswein übrigens endlich wieder verliebt, und zwar in Pete Poverty, einen anarchistischen Bettelmönch, dem sie niemals begegnet ist. Dem Vernehmen nach planen die beiden die sofortige Errichtung eines poly- bzw. pantheistischen Paradieses auf Erden. 


In diesem Sinne: Prost!  

 

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