Im Strudel der Subraumparadoxa

Die zweieinhalb Leben des Doma Mischanig

Prof. DDr. Doma Mischanig, geboren Sternzeit 7-48-21-03 auf dem Planeten Kirgul coelestis im Paralelluniversum Nummer 43888B, ist in seiner Heimatwelt ein allseits bekannter und geschätzter Kosmo-Ethnologe, der sich auf die Erforschung humanoid-narzisstischer Lebensformen spezialisiert hat und dafür mit einer Reihe namhafter staatlicher Forschungspreise ausgezeichnet wurde.

 

Als Schriftsteller ist er dort gänzlich unbekannt, während man in unserer bescheidenen Auflage des Weltalls wiederum keinen Ethnologen dieses Namens kennt. In der Frage, ob es sich bei Doma Mischanig aus plurikosmischer Sicht nun eher um einen Autor oder doch eher um einen Forscher handelt oder gar um einen Hyperdissidenten (doch dazu später), ist die astro-epistemologische Forschung bis dato noch zu keiner klaren Schlussfolgerung gelangt.


Aufgewachsen ist Doma Mischanig aus unserer Sicht theoretisch in der Volkskommune Kotikymischka am Grünen Meer. Der Grundstein für seine steile Forscherkarriere wurde bereits in jungen Jahren gelegt, als der fünfjährige Doma mit seinem Beitrag zum Rudelverhalten der terranischen Humanoiden in der akademischen Welt Kirguls für großes Aufsehen sorgte. Nach diesem fulminanten Auftakt folgte ein Studium der intergalaktischen Völkerkunde und anorganisch-organischen Translationswissenschaft, im Zuge dessen Mischanig weiterhin mit sensationellen Leistungen auf sich aufmerksam machte.

 

Der endgültige Durchbruch in Kirguls Scientific Community gelang ihm mit seinem Jahrhundertwerk Der stumme Schrei der Asteroiden. Analyse der emotionalen Barrieren in der Mensch-Himmelskörper-Kommunikation, das für den Ilja-Rossov-Preis der kirgulesischen Einheitspartei nominiert wurde.


Am Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn geriet der mittlerweile 257jährige Mischanig jedoch wegen unorthodoxer Äußerungen („Humanoide haben ein Bewusstsein“) in politische Schwierigkeiten. In letzter Sekunde konnte das Todesurteil durch die Intervention eines alten Freundes im Politbüro in eine lebenslange Verbannung umgewandelt werden. So verschwand Doma Mischanig inklusive seines wissenschaftlichen Gesamtwerks am Intergalaktischen Tag der Arbeit Sternzeit 7-88-45-08 im frostigen Nichts eines Wurmlochs und wurde bald darauf im Zuge einer allgemeinen Säuberungsaktion aus dem kollektiven Gedächtnis der Kirgulesen getilgt.


Glücklicherweise gab es auch in unserer Version des kosmischen Gefüges einen Planeten namens Kirgul, wo der erfolgsverwöhnte Mischanig nach all den Rückschlägen einen Neuanfang wagen wollte. Doch er hatte die kleine, nicht ganz unwesentliche Tatsache übersehen, dass dort ein Kirgulese mit absolut identischer DNA, jedoch etwas abweichendem CV existierte: Sein Alter Ego war der interstellar gesuchte Hyperdissident Temo Mischanskij, der gerade mit einem gestohlenen Raumschiff aus dem kirgulesischen Gulag ausgebrochen war.


Um ein Haar entging Mischanig der Verhaftung durch das Ministerium für Öffentliche Sicherheit. Sämtlicher Rückkehrmöglichkeiten beraubt, beschloss er aus der Not eine Tugend zu machen und unter den humanoiden Primitiven auf Terra ein neues Leben als Romanautor zu beginnen. Und siehe da: Sein Erstlingswerk Warten auf Uranus war sogleich ein Mega-Seller und wurde in 356 Sprachen übersetzt. Im Schoße des legendären Schreibclubs unter der Schirmherrschaft von Klippo Kraftwerk schwang er sich in den darauf folgenden Jahren zu ungeahnten literarischen Höhen empor.


Da ein Kirgulese zwar nur über die etwa 60prozentige Hirnmasse einer kristallin-kybernetischen Lebensform verfügt, dafür aber ungefähr über die fünfzigfache zerebrale Kapazität eines durchschnittlichen Humanoiden, und darüber hinaus im Normalfall etwa halb so alt wird wie ein mittelgroßer Asteroid, kann davon ausgegangen werden, dass noch weitere Werke und Karrieren folgen werden.



Auszug aus dem Buch „Die verlorenen Kinder Kirguls“, veröffentlicht von der kirgulesischen Exilregierung

 

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